Cruz del Carmen: Ausgangspunkt im Nebelwald
Fast jede Tour ins Anaga-Gebirge beginnt am Cruz del Carmen, einem Sattel auf der TF-12, der Bergstraße von La Laguna in den Nordosten. Hier steht ein kleines Besucherzentrum des Naturparks, in dem du Karten der markierten Wanderwege bekommst und dich über die aktuelle Wegesituation informieren kannst. Das ist keine Formalität: Im Anaga werden einzelne Pfade nach Regenfällen oder wegen Rutschgefahr zeitweise gesperrt, und die Ranger vor Ort wissen, was gerade offen ist.
Vom Cruz del Carmen führen Wege in fast alle Richtungen: kurze Runden durch den Lorbeerwald, Abstiege nach Chinamada und weiter zur Küste, lange Etappen Richtung Taganana. Wer mit dem Auto kommt, findet hier einen Parkplatz, der an Wochenenden und Feiertagen schnell voll ist – die Busse ab La Laguna halten direkt am Sattel und sind oft die entspanntere Wahl. Ein Steinkreuz markiert den historischen Knotenpunkt, denn hier kreuzte sich der alte Camino Real, über den früher die Ernte der Bergdörfer in die Stadt getragen wurde.
Sendero de los Sentidos: der kurze Weg durch den Lorbeerwald
Der Sendero de los Sentidos startet direkt am Cruz del Carmen und ist der bekannteste Weg des Gebirges – gerade weil er so kurz ist. Der „Weg der Sinne“ folgt einem Stück des alten Camino Real und führt auf drei aufeinanderfolgenden Abschnitten durch den Lorbeerwald. Der erste Abschnitt ist eben und barrierefrei ausgebaut, sodass auch Kinderwagen und Rollstühle ihn bewältigen können. Wer weitergeht, kommt auf schmaleren Pfaden zu einem Aussichtspunkt, von dem aus du bei klarem Wetter über das Tal bis zum Teide schaust.
Der Name ist Programm: Entlang des Weges regen Tafeln dazu an, den Wald bewusst zu riechen, zu hören und anzufassen – den feuchten Duft der Lorbeerblätter, das Rascheln der Baumfarne, das Moos an den Stämmen. Der Lorbeerwald ist ein Überrest aus der Zeit, als solche Wälder große Teile Südeuropas bedeckten; im Anaga hat er sich dank der Passatwolken bis heute gehalten. Rechne für die komplette Runde mit etwa einer Stunde, eher weniger. Der Weg eignet sich ideal als erste Begegnung mit dem Gebirge, bevor du dich an längere Touren wagst – oder als Ersatzprogramm an Tagen, an denen dichter Nebel weitere Ausblicke ohnehin verwehrt.
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Chinamada: Wohnen in Höhlen
Vom Cruz del Carmen führt ein markierter Weg über die Siedlung Las Carboneras hinab nach Chinamada, einem der ungewöhnlichsten Orte der Insel. Die Häuser des Weilers sind zum Teil in den weichen Tuffstein des Berghangs gegraben: Vor den Höhlenräumen stehen gemauerte Fassaden mit Türen und Fenstern, dahinter liegen die Wohnräume im Fels. In Chinamada leben noch heute Menschen, und die Höhlenwohnungen sind bewohnt – das ist kein Freilichtmuseum, sondern ein Dorf. Entsprechend gehört es sich, auf den Wegen zu bleiben und nicht in Höfe und Gärten zu schauen.
Der Abstieg von Las Carboneras dauert je nach Tempo eine gute Stunde, der Rückweg geht spürbar bergauf. Wer länger unterwegs sein will, wandert von Chinamada weiter bis nach Punta del Hidalgo an der Nordküste – eine anspruchsvolle Tagesetappe mit großen Höhenunterschieden, die du nur mit ausreichend Wasser und festem Schuhwerk angehen solltest. In Chinamada selbst gibt es eine kleine Kapelle und eine einfache Bar, deren Öffnungszeiten unregelmäßig sind; verlasse dich nicht darauf, dort etwas zu bekommen. Die Mühe lohnt sich vor allem wegen des Blicks in die steil abfallenden Barrancos und wegen des Gefühls, wie abgelegen das Leben hier bis weit ins 20. Jahrhundert war.
Taganana: das Dorf am Ende des Tals
Taganana liegt in einem tief eingeschnittenen Tal an der Nordostküste und gilt als eine der ältesten Siedlungen Teneriffas. Du erreichst es auf zwei Wegen: über die Bergstraße vom Cruz del Carmen, die in Serpentinen ins Tal abfällt, oder von San Andrés aus durch einen Tunnel, der das Anaga-Massiv unterquert. Die Fahrt über den Kamm ist die schönere Variante – an mehreren Miradoren hältst du kurz an und schaust auf die grünen Grate und das Meer darunter.
Im Dorf selbst steht die Kirche Nuestra Señora de las Nieves, deren Ursprünge in die Zeit kurz nach der Eroberung der Insel zurückreichen. Um den Ortskern gruppieren sich kleine Felder und Weinberge; Taganana ist Teil der Weinbauregion Tacoronte-Acentejo, und in der Umgebung findest du einfache Bodegas, in denen Landwein und Hausmannskost ausgeschenkt werden – die kanarische Tradition der Guachinches ist hier im Norden besonders lebendig. Vom Dorf aus führen Wege weiter in den wilden Teil des Gebirges, etwa nach Afur oder hinauf auf die Kammpfade. Taganana ist der richtige Ort, um nach einer Wanderung einzukehren, bevor es zum Strand geht.
Benijo: schwarzer Sand und offene Brandung
Die Straße durch das Tal endet an der Küste bei Benijo, einem der eindrucksvollsten Strände der Insel. Der Sand ist pechschwarz, vor dem Ufer ragen die Roques de Anaga aus dem Atlantik, und die Wellen kommen ungebremst aus dem Norden. Genau das macht Benijo schön anzusehen und gefährlich zum Baden: Die Strömungen sind stark, es gibt keine Aufsicht, und immer wieder unterschätzen Besucher die Brandung. Zum Schwimmen ist der Strand nur an sehr ruhigen Tagen und nur für geübte Schwimmer geeignet; zum Wellenreiten kommen dagegen Einheimische an den benachbarten Strand von Almáciga.
Am besten erlebst du Benijo am späten Nachmittag, wenn die Sonne hinter den Felsen im Meer versinkt und der schwarze Sand glänzt. Vom Parkplatz führt eine Treppe hinunter ans Ufer. Kombiniere den Strand mit dem Besuch von Taganana – beides liegt auf derselben Strecke, und wer mit dem Bus unterwegs ist, erreicht beide Orte mit derselben Verbindung ab La Laguna.
Mit dem Bus ab La Laguna
Das Anaga-Gebirge lässt sich gut ohne Mietwagen erkunden, denn die TITSA-Busse fahren vom Busbahnhof in La Laguna direkt in die wichtigsten Punkte des Gebirges: zum Cruz del Carmen, nach Taganana, nach Benijo und nach Punta del Hidalgo am Fuß des Weges nach Chinamada. La Laguna ist dafür die ideale Basis – die Altstadt mit ihren Kolonialbauten gehört zum UNESCO-Welterbe und liegt nur eine kurze Tramfahrt von Santa Cruz entfernt.
Zwei Dinge musst du bei der Planung beachten. Erstens fahren die Busse ins Gebirge deutlich seltener als Stadtbusse, und die letzten Rückfahrten liegen am frühen Abend. Schau die aktuellen Fahrpläne vor der Tour auf der Website oder in der App von TITSA nach und merke dir die Zeit des letzten Busses, sonst stehst du in Benijo oder am Cruz del Carmen. Zweitens lohnt es sich, früh zu starten: Dann hast du die besten Chancen auf klare Sicht, bevor sich die Passatwolken verdichten, und genug Puffer für eine längere Wanderung. Wer mehrere Ziele an einem Tag verbinden will, plant die Reihenfolge nach den Abfahrtszeiten – etwa Cruz del Carmen am Morgen, Taganana mittags, Benijo zum Sonnenuntergang.
Wetter und Nebel: warum der Nordosten anders tickt
Das Anaga-Gebirge liegt genau dort, wo die Passatwinde ihre Wolken gegen die Insel drücken. Die feuchte Luft staut sich an den Nordhängen, und in der Höhenlage des Lorbeerwaldes hängt der Nebel oft stundenlang fest. Das ist der Grund, warum hier überhaupt Lorbeer wächst – und der Grund, warum du am Cruz del Carmen in dichtem Grau stehen kannst, während im Süden der Insel die Sonne scheint.
Für dich heißt das: Packe immer eine Regenjacke und eine warme Schicht ein, auch wenn La Laguna am Morgen sonnig war. Die Temperaturen im Gebirge liegen spürbar unter denen der Küste, und nasser Nebel kühlt zusätzlich aus. Gleichzeitig ist der Nebel kein Grund, die Tour abzusagen – oft fährst du auf dem Weg nach Taganana durch die Wolkendecke hindurch und kommst im Tal unter strahlendem Himmel wieder heraus. Dieser Wechsel innerhalb weniger Kilometer gehört zu den eindrücklichsten Momenten im Anaga. Vor der Abfahrt lohnt ein Blick auf die Webcams des Cabildo de Tenerife, die unter anderem das Anaga-Gebirge zeigen: So siehst du vorher, ob der Kamm im Nebel liegt oder frei ist, und kannst deine Route danach ausrichten – den Wald bei Nebel erleben, die Aussichtspunkte bei Klarheit.